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Macher und Märkte
* ein Podcast der IHK Potsdam

Auf Einhornjagd

Zwischen Wasser und Wäldern suchen die Mitarbeiter des SAP Innovation Center Networks nach revolutionären Ideen für die digitale Welt.

Auf dem Rasen vor dem modernen Glasbau dreht ein Mähroboter leise seine Runden, Ausflugsboote tuckern vorbei, ab und zu ertönt ein Schiffshorn. Klingt nach Urlaubsidyll. Doch hier, am Ufer des Jungfernsees im Potsdamer Norden, werden weder Aktivtouren geplant noch Hotelzimmer vermietet. Die Mission der Mitarbeiter hinter den blanken Fenstern ist nicht weniger als die nächste digitale Revolution. Dafür hat SAP, der Softwaregigant mit Sitz im baden-württembergischen Walldorf, mehr als 250 Spezialisten und Spezialistinnen aus der ganzen Welt versammelt. Zusammen bilden sie seit 2015 das SAP Innovation Center Network (ICN). Neben Potsdam, dem ersten Standort, der bereits 2013 eröffnet wurde, gibt es mittlerweile Teams in acht anderen Ländern, zum Beispiel im indischen Bangalore oder im Silicon Valley in den USA. Die Fäden aber laufen hier in Brandenburg zusammen.

 

Einer, der die Fäden zusammenhält, ist Thomas Czumanski. Der Leiter des global verantwortlichen Strategy & Operations Teams erklärt das Konzept so: „Wir schauen uns hier in sehr kleinen Teams aktuelle Trends und neue Entwicklungen an – und generieren daraus Anwendungsfälle für uns beziehungsweise für unsere Kunden.“ Neben digitalen Megatrends wie Blockchain oder maschinelles Lernen seien auch neue, und zum Teil bisher noch nicht fest in der SAP-Welt etablierte Themen interessant. „Besonders spannend ist zum Beispiel Robotik. Aber natürlich befassen wir uns auch mit neuen Verschlüsselungstechnologien.“ Am Anfang widmen sich lediglich ein bis zwei Mitarbeiter einer Idee. „Sehen wir nachhaltig Potenzial, stocken wir die Teams mit der Zeit auch mal auf 30 oder mehr Mitarbeiter auf“, so Czumanski. Derzeit seien etwa 15 Themen in der frühen Phase. Das Besondere am ICN gegenüber anderen Innovationsinkubatoren ist seine Unabhängigkeit: „Wir haben eigene Entwicklungskapazitäten und können eine Idee bis zum fertigen Produkt treiben.“

„Scheitern gehört zum Konzept“

Raum für Ideen und freies, selbstbestimmtes Arbeiten bietet das ICN auch im wörtlichen Sinn: Ein kleines, auf den ersten Blick unübersichtlich anmutendes Zimmer beherbergt alles, was man sich an „Spielzeug“ für Technik-Freaks vorstellen kann: von Drohnen über 3-D-Drucker bis hin zu Virtual-Reality-Brillen. Im sogenannten „d-Shop“ darf alles angefasst und ausprobiert werden, um Inspiration zu tanken.

 

Die Schreibtische in den Großraumbüros stehen auf Rollen, damit sie für jedes neue Projekt flexibel zusammengeschoben werden können. Sofa-Ecken, Sitzsäcke und frei schwingende, an Seilen von der Decke hängende Sessel ermöglichen überall im Haus, sich untereinander auszutauschen oder eine kreative Atempause einzulegen. Die lichtdurchflutete Cafeteria bietet kostenloses Mittagessen und Seeblick. Und an einer Boulderwand, bei Yogastunden oder auf dem hauseigenen Beachvolleyballfeld können die Mitarbeiter zwischendurch und nach der Arbeit aktiv entspannen.

Viel Spielraum für Kreativität

Doch nicht jede Idee aus dem ICN wird auch zu einem SAP-Produkt: „Gut ist, wenn eines von zehn Projekten durchkommt“, so Czumanski. Das liege in der Natur von Innovation. „Wir haben hier die einmalige Chance, vieles auszuprobieren und schnell wieder fallenzulassen oder zurückzustellen, falls das Timing nicht stimmt. Scheitern gehört da zum Konzept. Wichtig ist, was wir daraus lernen.“ Erfolge sind natürlich trotzdem gern gesehen. Das große Ziel: ein Einhorn. So nennt man Start-ups, die mit einer Milliarde US-Dollar bewertet werden.

 

Doch obwohl strenggenommen noch kein Fabelwesen im ICN das Licht der Welt erblickte – stolz sein können die Programmierer, Designer und Strategen auf viele Innovationen. So hat das ICN das Thema maschinelles Lernen in den SAP-Konzern eingebracht. Dabei geht es darum, einen Computer selbstständig Lösungen für Probleme finden zu lassen. Wie ein Mensch lernt der Computer aus Erfahrung und erwirbt Wissen, mit dem er uns in Alltag und Berufsleben unterstützen kann. „Konkret heißt das zum Beispiel, dass eine selbstlernende Software bei Sportübertragungen Logos von Sponsoren erkennt und deren finanziellen Wert errechnet, um herauszufinden, ob sich die Werbeinvestition lohnt. Die Anwendungsfelder sind vielfältig und maschinelles Lernen hat das Potenzial, alle SAP-Lösungen intelligenter zu machen“, so Czumanski.

 

Das ICN gibt seine Verantwortung für ein Thema in der Regel dann ab, wenn eine Entwicklung immer mehr Akzeptanz findet oder mehrere Kunden ein Produkt einsetzen. Das Team, das bis zu diesem Zeitpunkt an der Idee gearbeitet hat, kann sich dann einem neuen Bereich widmen. „Manche Mitarbeiter hängen aber auch an ihrem ‚Baby’ und wollen es innerhalb des Konzerns weiterverfolgen.“

„Wir fangen auf einem weißen Blatt Papier an“

Ein Ort für kreatives Denken ist auch das „Design-Studio“: Die Wände sind magnetisch und beschreibbar; im Moment hängen sie voll mit bunten Zetteln und Skizzen. Hier treffen sich die Designer des ICN, um laufende Projekte zu besprechen oder neue Ideen zu entwickeln. Martin Krauss ist einer von ihnen, seit vier Jahren ist er User-Experience-Designer im ICN. Sein Job: Die Probleme der SAP-Kunden zu identifizieren, die es durch neue Produkte und Technologien zu lösen gilt. Und dafür zu sorgen, dass die vom ICN entwickelten Lösungen am Ende leicht von den Kunden verstanden und gern angenommen werden. „Im Grunde ist Design die Schnittstelle zum Menschen“, sagt Krauss. Dafür betreuen die Designer am ICN den Produktentwicklungsprozess von Anfang an, begleiten Kundenworkshops und betreiben Feldforschung. „Wir machen zum Beispiel sogenannte Shadowings: Dabei begleiten wir unsere Kunden bei ihrer täglichen Arbeit und dokumentieren die Abläufe.“

Konkret bedeutet das beispielsweise: Für eine Klinik sollten Krauss und seine Kollegen einen Weg finden, um die Frustration der wartenden Patienten in der Notaufnahme zu senken. „In Gesprächen mit Personal und Wartenden zeigte sich: Das Hauptproblem war die mangelnde Transparenz. Niemand wusste, wie lange er warten muss und warum manche Menschen schneller drankommen, auch wenn sie später eintreffen.“ Die Lösung des ICN-Teams war so einfach wie wirkungsvoll: ein für alle sichtbarer Monitor, der mit der Datenbank der Klinik gekoppelt ist. Basierend auf all diesen Live-Daten berechnet das System nun individuell die Wartezeit für jeden einzelnen Patienten; die Dringlichkeit der Fälle wird durch Farben symbolisiert. An seiner Arbeit hier schätzt der 35-Jährige Krauss vor allem den Freiraum: „Wir sind hier nicht eingeschränkt. Teilweise fangen wir bei Null, auf einem weißen Blatt Papier an. Wir können entwerfen, testen, verwerfen, bis wir ein für den Nutzer sinnvolles Produkt geformt haben.“

Thomas Czumanski (links), Leiter Strategy & Operations, und UX-Designer Martin Krauss

Aus Mitarbeitern werden Unternehmer

Mitarbeiter zu kreativen Höchstleistungen anspornen – das ist das tägliche Geschäft im ICN. Noch weiter treibt diese Mentalität Joshua Meadon. Als Teil des globalen Intrapreneurship Programms des konzerneigenen Inkubators SAP.iO sucht der gebürtige Südafrikaner nach neuen Geschäftsideen und ermöglicht es SAP-Mitarbeitern, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. „In den vergangenen Jahrzehnten hat SAP massenhaft Daten angesammelt. Wir glauben, dass diese Daten einen riesigen Wert haben. Und wir glauben, dass die Innovatoren, die diesen Wert für uns heben können, schon in unserem Unternehmen arbeiten.“

 

Das Konzept: Jedes Jahr können SAP-Mitarbeiter aus aller Welt ihre Businesspläne einreichen. Die Teams mit den besten Ideen dürfen an verschiedenen Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen und werden durch gezieltes Mentoring unterstützt. Die zehn besten Teams absolvieren einen sechswöchiges Programm, an dessen Ende SAP über ein Investment entscheidet. Allein im letzten Jahr wurden 500 Businesspläne eingereicht, in den vergangenen zwei Jahren hat SAP sechs Unternehmensgründungen finanziert. Auch eine Idee aus Potsdam war dabei: „Ruum“, eine Projektmanagementsoftware, die besonders einfach zu benutzen ist und Geschäftsprozesse in Projektpläne übersetzt.

 

Für Joshua Meadon ist diese Art der Förderung einzigartig: „95 Prozent aller Start-ups scheitern. Wir fordern also das fast Unmögliche von unseren Mitarbeitern. Aber wir bieten ihnen gleichzeitig ein sicheres Netzwerk und ein Umfeld, in dem sie sich ausprobieren können, ohne ein persönliches Risiko einzugehen.“

Mitverantwortlich für das SAP.iO Intrapreneurship Programm: Joshua Meadon